Wer oder was ist MSCI?
Stellen Sie sich einen Chef-Architekten für Aktienindizes vor – das ist MSCI. Die Abkürzung stand einst für Morgan Stanley Capital International, ein Gemeinschaftsprojekt aus der Investmentbank Morgan Stanley und dem Research-Haus Capital International. Heute ist MSCI ein eigenständiger Finanzdienstleister, der einige der wichtigsten Aktienindizes der Welt herausgibt.

Einer davon ist der MSCI World Index, geschaffen 1969 und seit 1986 offiziell berechnet. Dieser Index soll die Entwicklung der weltweiten Börsen abbilden – zumindest des entwickelten Teils der Welt. MSCI sortiert nämlich die Aktien nach Ländern und marktwirtschaftlichem Status: Der MSCI World enthält nur Titel aus Industrieländern (Developed Markets). Die Methodik dahinter: In jedem dieser Länder werden die größten börsennotierten Unternehmen nach ihrer frei handelbaren Marktkapitalisierung (Free-Float Market Cap) gewichtet, bis ca. 85 % der Börsenkapitalisierung des Landes abgedeckt sind.
Kleine Firmen bleiben außen vor. So entsteht ein Korb von Aktiengiganten aus Nordamerika, Europa und Asien-Pazifik, der rund 1.300 Aktien umfasst. In einfachen Worten: MSCI bastelt einen Welt-Aktienkorb, indem es pro Land die großen Fische auswählt und nach Größe ordnet. Heraus kommt ein Index, der als Benchmark für globale Aktienfonds dient und Anlegern eine schnelle Weltreise durch die Börsen ermöglichen soll – zumindest theoretisch.
MSCI selbst, mit Sitz in New York, ist dabei Schiedsrichter und Architekt zugleich. Das Unternehmen entscheidet anhand klarer Regeln, welche Länder als „entwickelt“ gelten (derzeit 23 an der Zahl) und welche Firmen groß genug und liquide genug sind, um im Index mitzuspielen. Die Regeln sind streng, aber pragmatisch: Gewichtung nach Streubesitz-Marktkapitalisierung sorgt dafür, dass kein Einzelinvestor oder Staat die Indexgewichtung verzerrt. Das Ergebnis soll ein „Querschnitt der globalen Aktienmärkte“ sein – zumindest jener, die MSCI als fortgeschritten betrachtet. Doch wie wir gleich sehen, ist dieser Querschnitt nicht so global, wie der Name World suggeriert.
Zusammensetzung des MSCI World: 1.300 Aktien und regelmäßige Updates
Der MSCI World Index ist ein lebendiges Konstrukt. Momentan umfasst er etwa 1.320 Unternehmen (Stand Ende 2025). In der Praxis bedeutet das: Vom US-Markt sind rund 600 der größten Konzerne vertreten, aus Japan etwa 250, aus kleineren Ländern wie Österreich vielleicht nur eine Handvoll Firmen. Insgesamt ergibt das einen mächtigen Strauß globaler Blue Chips.
Aber die Zusammensetzung ist kein statisches Museum, sondern eher ein exklusiver Club mit regelmäßiger Mitgliedsprüfung.
Wie oft wird der Index angepasst?
MSCI überprüft die Indizes vierteljährlich. Genauer gesagt gibt es vier Index-Reviews pro Jahr – im Februar, Mai, August und November. Im Mai und November finden die großen Semi-Annual Reviews statt, bei denen umfangreicher umgeschichtet wird, während im Februar und August kleinere Quarterly Reviews etwaige Zwischenanpassungen vornehmen. Dann wird entschieden, welche neuen Börsenaufsteiger groß genug geworden sind, um in den Index aufzusteigen, und welche Wackelkandidaten hinausfallen.
Man kann sich das vorstellen wie ein sportliches Ranking: Wer dauerhaft an Marktkapitalisierung verliert oder zu wenig Aktien im Streubesitz hat, läuft Gefahr, seinen Platz im MSCI World zu verlieren. Neuaufsteiger – etwa durch IPOs oder Aufstieg aus kleineren Segmenten – klopfen hingegen an die Tür und dürfen beim nächsten Rebalancing eintreten, sofern sie die Kriterien erfüllen. Diese Indexanpassungen sorgen dafür, dass der MSCI World mit der Zeit geht und „up to date“ bleibt. Für Anleger bedeutet es allerdings auch, dass ein MSCI-World-ETF kleine Umschichtungen vornimmt, wenn MSCI die Zusammensetzung ändert. In der Regel geschieht das geräuschlos im Hintergrund. Nur wenn ein Land mal herauf- oder herabgestuft wird (so wie z.B. Griechenland 2013 vom Industrieland zum Emerging Market – ja, richtig, in diese Richtung), sorgt das für Schlagzeilen. Im Großen und Ganzen aber ist der MSCI World ein stabiles Gerüst, das seit Jahrzehnten großen Namen eine Bühne bietet. Und auf dieser Bühne spielen nicht alle Regionen die gleiche Rolle…
Varianten des „World“: Emerging Markets, ESG und Small Caps – die Geschwister des Index
Obwohl der MSCI World oft als Synonym für „die Welt“ an der Börse gilt, hat MSCI eine ganze Familie von Indizes im Angebot, um verschiedene Facetten abzubilden. Man kann sich das wie ein Baukastensystem vorstellen: MSCI ACWI (All Country World) ist die große Mutter, die sowohl entwickelte als auch Schwellenländer umfasst – insgesamt 47 Länder und rund 3.000 Aktien. Innerhalb dieser ACWI-Familie gibt es dann Aufteilungen. Der MSCI World (unser Protagonist) deckt wie erwähnt die 23 entwickelten Länder ab. Sein Bruder, der MSCI Emerging Markets, enthält die 24 Schwellenländer, von China über Indien, Brasilien bis Südafrika – und auch Griechenland. Dieser EM-Index wird oft parallel zum World genannt, denn zusammen decken World+EM schon einen großen Teil der Welt ab. Aber Achtung: In der ACWI (All Country) machen Emerging Markets trotz ~40 % Anteil an der Weltwirtschaft nur ca. 11 % der Marktkapitalisierung aus – weil ihre Börsenwerte relativ kleiner sind.
Dann gibt es noch die exotischen Verwandten: die Frontier Markets. Das sind die wirklich jungen oder schwer zugänglichen Börsen – man könnte sagen die Finanz-Frontier oder Grenzmärkte. MSCI zählt derzeit 28 Länder zu dieser Kategorie, von denen 26 im MSCI Frontier Markets Index vertreten sind, z.B. Vietnam, Nigeria, Bahrain oder Kenia. Diese Frontier-Börsen sind noch nicht reif oder liquide genug für den großen MSCI-Weltrang, sie spielen sozusagen in der zweiten Liga (oder eher dritten). Wichtig zu wissen: Im MSCI World sind weder die Schwellen- noch die Frontier Markets enthalten. Wer wirklich die gesamte Welt will, muss zum MSCI ACWI greifen (entwickelte + Emerging) und könnte theoretisch auch noch Frontier dazu nehmen – das volle Programm für Globale.
Neben der geografischen Unterteilung bietet MSCI auch themen- und faktorbasierte Varianten an. Sehr im Trend sind ESG-Versionen des MSCI World – also Indizes, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Beispiele sind der MSCI World SRI (Socially Responsible Investing), der strengere ethische und ökologische Filter anlegt, oder der MSCI World ESG Leaders, der die Unternehmen mit den besten ESG-Ratings bevorzugt. Diese Indizes sollen den gleichen weltweiten Ansatz verfolgen, aber „unsaubere“ Branchen oder schlechte Nachhaltigkeitsnoten ausschließen. Das Ergebnis kann für ESG-orientierte Anleger attraktiv sein – doch man sollte wissen: oft sind Tech-Giganten wie Apple oder Microsoft auch in ESG-Indizes Top-Gewichtungen, solange sie die Kriterien erfüllen.
Und dann gibt es noch die Dimension Unternehmensgröße: Der normale MSCI World deckt wie gesagt Large und Mid Caps (~85% der Marktkapitalisierung) ab. Für die Small Caps hat MSCI einen separaten Index geschaffen, den MSCI World Small Cap, in dem die kleineren börsennotierten Firmen der entwickelten Länder versammelt sind. Das sind noch mal weit über 4.000 zusätzliche Aktien, die zusammen die restlichen ~15% Marktkapitalisierung füllen. Kombiniert man World + World Small Cap, hätte man ein sogenanntes Investable Market Index (MSCI World IMI), das dann ca. 99% des investierbaren Aktienuniversums in den Industrieländern umfasst. Ähnliche IMI-Indizes gibt es auch für ACWI (inkl. EM Small Caps). Für Privatanleger sind Small Caps oft in separaten ETFs verpackt – wer den vollständigen „Weltakku“ möchte, kann also einen World-ETF und einen World-Small-Cap-ETF kombinieren.
Zusammengefasst: Der MSCI World ist der prominente „große Bruder“, aber er hat viele Verwandte. Ob regionale Varianten (für Schwellenländer, Pazifik, Europa, etc.), thematische Abwandlungen (ESG, Faktor-Indizes) oder größenbezogene Ergänzungen (Small Cap) – das Index-Universum von MSCI ist modular. Ein fortgeschrittener Anleger kann sich daraus sein eigenes Weltportfolio zusammenstellen, indem er etwa einen Schuss Emerging Markets, eine Prise Small Caps und vielleicht einen ESG-Filter hinzugibt. Doch bevor wir zum DIY-Mixen übergehen, schauen wir uns an, was im klassischen MSCI World gerade wirklich drin ist – und warum dort ein Land besonders den Ton angibt.
Länderallokation: USA über alles?
Wer einen Blick in die aktuelle Länderverteilung des MSCI World wirft, erlebt ein Aha-Erlebnis: Rund 70 % des Index entfallen derzeit auf Unternehmen aus den USA. Genauer gesagt, per Ende 2025 lag der US-Anteil bei 71,9 % – Tendenz steigend. Weit abgeschlagen folgen auf Platz 2 und 3 Japan mit ca. 5,4 % und Großbritannien mit 3,7 %. Danach kommen Länder wie Kanada (~3,3%), Frankreich (~2,6%) oder Deutschland (um 2,5%) in homöopathischen Dosen. Mit anderen Worten: Der MSCI World ist zurzeit ein ziemlich US-lastiges Konstrukt. Amerika dominiert den Index so stark, dass man fast von einem USA-Index plus Beiwerk sprechen könnte.
Wie kam es dazu – und war das schon immer so?
Tatsächlich hat sich die Ländergewichtung im letzten Jahrzehnt drastisch Richtung USA verschoben. Vor etwa 10 Jahren lag der US-Anteil im MSCI World noch um die Fifty-fifty-Marke (um die 55–60 %). Doch eine Dekade geprägt von Tech-Boom und Mega-Cap-Rallye (Stichwort FAANG-Aktien) ließ die Marktkapitalisierung der US-Konzerne schneller wachsen als den Rest der Welt. In den Jahren 2010 bis 2020 haben US-Aktien den Rest der Welt regelrecht abgehängt. Die Folge: Amerika erreicht heute einen Indexanteil, den es seit den frühen 2000ern nicht mehr gab. Laut einem Economist-Bericht aus 2017 hatte der MSCI All Country World (inkl. EM) damals ~54% USA – so hoch wie zuletzt 2002. Im reinen MSCI World (ohne EM) lag der US-Anteil 2017 schon bei 60,5% und ist seither weiter gestiegen. Aktuell mit ~70% übertrifft die US-Börsenkapitalisierung sogar deutlich den Anteil der USA an der globalen Wirtschaft – Amerika trägt zwar ~24% zum Welt-BIP bei, aber über 70% zum World-Index.
Das erinnert an ein historisches Déjà-vu: In den späten 1980er-Jahren dominierte Japan den MSCI World auf ähnliche Weise. Auf dem Höhepunkt der Japan-Euphorie 1988/89 stellte Tokio rund 44% der Marktkapitalisierung im Index – weit mehr als doppelt so viel wie Japans Anteil an der Weltwirtschaft damals. Die vier größten Aktiengesellschaften der Welt waren 1989 japanische Banken. Man sprach vom unaufhaltsamen Aufstieg Nippons. Doch bekanntlich endete die Party abrupt: Japans Börse brach nach 1990 ein und verlor ein Jahrzehnt lang an Glanz. Heute macht Japan nur noch ~5% im MSCI World aus, und die Top-Position hat wieder Onkel Sam inne. Die USA waren übrigens auch in den 80ern die Nummer 2 hinter Japan und übernahmen ab den 1990ern wieder die Führung. Großbritannien rangierte damals auf Platz 3 und war in den 90ern zeitweise zweistellig gewichtet, hat aber seitdem an Anteil verloren (heute <4%). Europa insgesamt war in den 2000ern stärker vertreten – Anfang der 2000er lag der gesamte EAFE-Raum (Europa, Australien, Fernost) zeitweise gleichauf mit den USA. Doch die letzten 10–15 Jahre gehörten klar den amerikanischen Tech-Giganten.
Die Verschiebungen der Top-Länder im Index zeigen zweierlei: Erstens, Marktdominanz ist zyklisch – kein Land bleibt ewig an der Spitze. Zweitens, ein kapitalisierungsgewichteter Index spiegelt die Erfolge und Misserfolge der Börsen sehr deutlich wider. Aktuell erleben wir eine Phase, in der Amerika der unangefochtene Primus ist. Das birgt Chancen (wer auf den Gewinner setzt, freut sich über Outperformance) und Risiken (Klumpenrisiko, falls die USA mal schwächeln). Ein MSCI World Investor hat heute implizit sieben Dollar von zehn in US-Titel investiert – ob er will oder nicht.
Wie global ist der „Welt“-Index wirklich?
Angesichts dieser Zahlen muss man fragen: Verdient der MSCI World seinen Namen eigentlich? Man könnte zugespitzt sagen, der Index verkauft uns eine Weltreise, fliegt aber hauptsächlich in den USA im Kreis. Denn zum einen fehlen wichtige Teile der Welt – sämtliche Emerging Markets bleiben außen vor, zum anderen dominiert ein einziges Land das Geschehen. Der hehre Anspruch eines globalen Querschnitts ist dadurch relativiert.
Nehmen wir die Schwellenländer: Wirtschaftsnationen wie China (zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt), Indien, Südkorea oder Brasilien – kein einziger ihrer großen Konzerne taucht im MSCI World auf, weil sie nicht als „entwickelt“ klassifiziert sind. Wer an das Wachstum dieser Länder glaubt, findet davon im World-Index: nichts. „World“ bedeutet hier eben „Welt ohne Schwellenländer“. Erst ein ACWI-Index würde sie inkludieren. Damit lässt der MSCI World rund 40% der globalen Wirtschaftsleistung (so groß ist etwa der Anteil der EM am Welt-BIP) unberücksichtigt.
Was bedeutet das in der Praxis?
Wer einen MSCI-World-ETF kauft, tätigt de facto eine große Wette auf den US-Aktienmarkt – ob beabsichtigt oder nicht. Der Index ist schwer verzerrt in Richtung Wall Street, wie auch der Economist anmerkte: Die Entwicklung eines Welt-Portfolios hängt entscheidend davon ab, wie die amerikanischen Aktien laufen, weil sie so ein großes Gewicht haben. Die übrigen 22 Länder können noch so sehr strampeln – wenn die USA schwächeln, wird es der MSCI World spüren. Umgekehrt treibt ein US-Bullenmarkt den ganzen Index nach oben, selbst wenn Europa oder Japan stagnieren. Kurzum, der MSCI World ist weniger global, als der Name glauben macht, was Reichweite angeht, und konzentrierter, als viele Anleger vermuten, was Klumpenrisiken angeht.
Natürlich ist das kein Konstruktionsfehler per se, sondern die logische Konsequenz der Marktkapitalisierungsmethode. Große Märkte stellen viele große Firmen – die USA haben Tech-Giganten wie Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, die alleine mehrere Billionen Dollar wert sind. Allein Apple und Microsoft zusammen machen um die ~10% des MSCI World aus! (Zum Vergleich: Die ganze Schweizer Börse hat etwa 2–3% Indexgewicht.).
Die Quintessenz: Global ist nicht gleich global. Der MSCI World ist ein großartiger Querschnitt der entwickelten Aktienmärkte, aber eben kein kompletter Spiegel der Weltwirtschaft. Sein Fokus liegt stark auf dem Westen (plus Japan) – und innerhalb dessen wiederum stark auf den USA. Für Anleger heißt das: Man kauft mit einem World-ETF zwar einen breiten Korb, aber man darf nicht dem Irrtum erliegen, damit alles abgedeckt zu haben. Es bleiben blinde Flecken.
US-Börsenschwergewichte mit ausländischem Pass – verblüffende Index-Fakten
Noch eine interessante Facette zum Thema Globalität: Manche Unternehmen im MSCI World wirken amerikanisch, sind es aber gar nicht so richtig. Klingt paradox? Gemeint sind Fälle, in denen Konzerne zwar an den US-Börsen gelistet und im Index dem „USA“-Anteil zugerechnet sind, ihr rechtlicher Sitz oder ihre historische Heimat aber woanders liegt.
Bestes Beispiel: Linde plc. Viele kennen Linde als deutschen Traditionskonzern (Industriegase), einst Schwergewicht im DAX. Durch die Fusion mit dem US-Wettbewerber Praxair entstand jedoch Linde plc mit rechtlichem Sitz in Dublin (Irland) und operativem Hauptquartier in Guildford bei London. Seit 2023 sind Linde-Aktien ausschließlich in New York gehandelt. Für die Indexwelt gilt Linde nun als US-Titel – es ist im S&P 500 und natürlich im MSCI World unter „USA“ geführt. Die Firma zahlt Steuern in Irland, hat historische Wurzeln in München, aber Index-Heimat USA. Ein Weltkonzern eben.
Linde ist kein Einzelfall. Accenture zum Beispiel – der globale Beratungsriese – hat seine juristische Heimat ebenfalls in Dublin (seit 2009), wird aber an der NYSE gehandelt und oft als US-Konzern wahrgenommen. Medtronic, ein Medizintechnik-Gigant, wurde in Minnesota gegründet, hat aber 2015 seinen Firmensitz via „Tax Inversion“ nach Irland verlegt. Trotzdem ist Medtronic weiter im S&P 500 und wird bei MSCI dem US-Index zugerechnet, obwohl das Legal Headquarter nun in Galway, Irland ist. Ähnliche Geschichten gibt es von Eaton (einem Industriekonzern, der seinen Sitz nach Dublin verlegte) oder Seagate (Festplattenhersteller, mit irischem Inc.). Auch Shell und Unilever hatten lange Zeit Doppelstrukturen zwischen London, Amsterdam und New York.
Was lehrt uns das? Zum einen, dass die Globalisierung selbst vor Index-Klassifizierungen nicht Halt macht – die Zugehörigkeit zu einem Land im Index sagt nicht immer etwas über den Firmensitz oder die Geschäftsregion aus. Zum anderen relativiert es die US-Dominanz minimal: Einige „US“-Firmen im MSCI World sind in Wahrheit multinationale Konglomerate mit Hauptquartieren rund um den Globus.
Die Welt versteckt sich also manchmal im US-Anteil.
Dennoch ändert das nichts daran, dass ein MSCI World ETF keine direkte China- oder Indien-Exposure bietet – selbst wenn z.B. Apple 20% seines Umsatzes in China macht, bleibt es ein US-Unternehmen im Index. Für Anleger ist spannend zu wissen, dass hinter manchem Index-Schwergewicht überraschende Geschichten stecken. Linde zum Beispiel – der größte Industriegaskonzern der Welt – wird von einem indischen CEO geführt, rechtlich in Irland domiziliert, aus Großbritannien geleitet und macht Geschäfte rund um den Globus. Im MSCI World erscheint er schnöde als Teil des 70%-USA-Pakets.
Diese „Grenzgänger“ unter den Firmen ändern also nicht fundamental die Indexstruktur, sorgen aber für nette Anekdoten: Global Player mit US-Listing sind ein Zeichen, dass Nationalgrenzen in der Konzernwelt verschwimmen. Für uns dient es als Erinnerung, dass ein geographisches Label im Index nicht immer die ganze Wahrheit über eine Firma erzählt.
Was bedeutet das für ETF-Anleger? Chancen und Grenzen des MSCI World – und das DIY-Weltportfolio
Für viele Privatanleger gilt ein MSCI-World-ETF als Inbegriff der bequemen globalen Geldanlage: Ein Klick, und man hält die ganze (entwickelte) Welt im Depot. Und in der Tat bietet der MSCI World einen einfachen, kostengünstigen Zugang zu über 1.300 Aktien aus aller Herren Länder. Die Chancen/Vorteile: Man erhält mit einem Produkt eine breite Diversifikation über Branchen und Länder, partizipiert an rund 85% der Börsenmarktkapitalisierung der entwickelten Märkte, und profitiert langfristig vom globalen Wirtschaftswachstum, ohne jedes Jahr die Länderrotation timen zu müssen. Historisch hat sich ein Weltportfolio als robust erwiesen: Krisen in einzelnen Ländern werden durch andere aufgefangen (z.B. Japans Kollaps der 90er durch boomende USA, oder Eurokrisen durch US-Tech-Boom usw.).
Ein MSCI World ETF ist passiv, transparent und günstig – typische Gesamtkostenquoten liegen bei 0,2% oder darunter. Für viele Anleger, vor allem Einsteiger oder als Grundbaustein, ist so ein ETF daher ein No-Brainer: weltweit gestreut, kein aktives Management nötig, einfach laufen lassen und regelmäßig besparen.
Aber – und wie so oft gibt es ein Aber – wir haben die Grenzen schon deutlich herausgearbeitet. Ein MSCI World ETF deckt nicht die gesamte Welt ab, sondern lässt Schwellenländer außen vor und ist stark USA-lastig. Damit gehen gewisse Klumpenrisiken einher. Sollte z.B. in den nächsten zehn Jahren der US-Markt stagnieren (durchaus möglich, niemand hat ewiges Wachstum abonniert), während Emerging Markets boomen, wäre ein World-ETF unter Umständen Risikostreuungs-technisch suboptimal. Man hätte dann 0 % in den wachstumsstarken Ländern und 70% in einer Seitwärts-Region.
Auch Sektorenschwerpunkte sind ein Thema: Der MSCI World ist aktuell etwa zu 27 % in Technologie investiert, ~17 % in Finanzwerte, ~11 % in Industrie. Andere Sektoren wie Energie, Versorger oder Grundstoffe sind sehr gering gewichtet. Das folgt natürlich der Marktkap – Tech ist groß, also im Index dominant. Wer aber z.B. eine andere Sektorgewichtung wünscht oder Bedenken hat, dass Big Tech so viel ausmacht, muss das hinnehmen oder selbst gegensteuern.
Hier kommt das „Do-it-yourself-Weltportfolio“ ins Spiel. Was ist damit gemeint? Im Grunde, dass man die Index-Bausteine selbst kombiniert, um gewisse Schwerpunkte zu korrigieren oder Lücken zu füllen. Klassischerweise entscheiden sich viele fortgeschrittene Anleger dafür, MSCI World mit einem MSCI Emerging Markets ETF zu ergänzen. Zum Beispiel könnte man 70 % seines Aktienanteils in einen World-ETF stecken und 30 % in einen EM-ETF – so hätte man ungefähr das Verhältnis, wie es der globale BIP-Anteil nahelegen würde (denn EM sind ~30-40 % der Weltwirtschaft) und würde rund 95 % der Weltmarktkapitalisierung abdecken.
Alternativ gibt es gleich den MSCI ACWI ETF, der schon fix ~11-12 % EM enthält – bequem, aber wer z.B. höhere EM-Gewichtung möchte, fährt mit zwei separaten ETFs flexibler. Auch Small Caps kann man beimischen, um die fehlenden 15 % Marktbreite abzudecken. Viele World-Anleger lassen Small Caps allerdings weg, da deren Einfluss auf das Gesamtergebnis relativ gering ist (und ihr Risikoprofil höher).
Ein DIY-Weltportfolio kann also so aussehen, dass man neben dem MSCI World ETF noch gezielt Regionen oder Segmente übergewichtet: etwa einen EM-ETF, vielleicht einen Europa-ETF extra, oder Pacific ex Japan, um die US-Dominanz etwas zu reduzieren. Manche fügen Faktor-ETFs hinzu, andere Themen-ETFs – je nach Überzeugung. Wichtig: Das ist dann aktives Eingreifen und sollte bewusst gemacht werden. Der Vorteil ist, man kann ein Stück weit die globale Gewichtung nach eigenem Gusto anpassen. Der Nachteil: Es erfordert laufende Pflege (Rebalancing zwischen den Bausteinen) und man weicht vom Marktportfolio ab, was gut oder schlecht ausgehen kann.
Andererseits darf man die Einfachheit nicht unterschätzen: Ein MSCI World ETF allein ist wartungsarm, hat sich historisch bewährt und beinhaltet indirekt schon viel Welt (denn die meisten US-Multis erwirtschaften global, europäische Firmen ebenso). Es gibt einen schönen Spruch: „Der MSCI World ist ein USA-ETF mit internationaler Beimischung.“ – da steckt Wahrheit drin. Aber bislang war das kein Beinbruch: Die USA waren in den letzten Jahrzehnten oft der Performance-Motor. Trotzdem: Zukunft ist ungewiss.
Ein kluges Weltportfolio kann daher durchaus aus mehr Bausteinen bestehen als nur einem World-ETF. Insbesondere Schwellenländer sind einen Gedanken wert, weil man mit ihnen Chancen aufholt, die der World auslässt. Frontier Markets dagegen bleiben Spezialitäten, die nur sehr risikofreudige Investoren ergänzen würden.
Weltweit investieren – aber bitte mit Auswahl: Alternativen zum MSCI World
Zwar trägt der MSCI World die „Welt“ im Namen, doch einige Alternativ-Indizes setzen noch einen drauf – sei es durch breitere Länderabdeckung, mehr enthaltene Unternehmen oder eine frische Gewichtungslogik. So umfasst der FTSE All-World Index aus dem Hause FTSE Russell neben den klassischen 23 Industrienationen auch rund zwei Dutzend Schwellenländer – insgesamt fast 50 Länder mit etwa 4.200 Aktien (Stand 2025), was ca. 90 % der global investierbaren Marktkapitalisierung abdeckt.
Noch eine Spur umfassender ist der FTSE Global All Cap Index (auf dessen Basis z. B. Vanguard einen Fonds anbietet): Dieser schließt zusätzlich kleine Unternehmen (Small Caps) ein und kommt so auf rund 9.000 Aktien weltweit. Eine ganz andere Philosophie verfolgt Dimensional mit seinem Global Core Equity Fonds: Er fokussiert zwar – ähnlich wie der MSCI World – primär auf entwickelte Aktienmärkte, würzt das Portfolio aber mit einem Faktor-Ansatz. Konkret werden kleinere Firmen und Substanzwerte (Value) übergewichtet, während riesige Wachstumswerte untergewichtet sind. Dadurch streut Dimensional über Tausende Titel und nimmt bewusst Abstand von der reinen Marktkapitalisierung – ein eleganter Spagat zwischen aktiver und passiver Weltanlage.
Solche Alternativen zum MSCI World können dann sinnvoll sein, wenn man dessen Lücken schließen möchte – sei es zur Ergänzung (etwa eine Prise Schwellenländer- und Small-Cap-Index beimischen) oder als Ersatz in Form eines All-World-Index, der von vornherein alles abdeckt. Andernfalls bleibt der MSCI World als bewährter Klassiker eine solide Basis – die „große weite Welt“ lässt sich bei Bedarf immer noch dazudosieren.
Fazit / Denkanstoß
Der MSCI World Index ist wie ein gut komponiertes Orchester, in dem aber die erste Geige – gespielt von den USA – sehr laut erklingt. Für einen fortgeschrittenen Anleger mag es reizvoll sein, hier und da an den Reglern zu drehen: etwas mehr von den leisen Tönen (Emerging Markets) aufdrehen, die dominanten Stellen vielleicht leicht abmischen. Das Weltportfolio à la Carte bietet die Möglichkeit, wirklich alle Länder (und Unternehmensgrößen) einzubeziehen und seine eigenen Akzente zu setzen. Doch Vorsicht: Mehr Zutaten machen das Rezept komplexer. Wer nicht ständig nachwürzen möchte, fährt mit dem MSCI World als fertig abgeschmecktem Menü schon sehr ordentlich – bekommt aber eben vor allem den Geschmack der amerikanischen Küche serviert.
Der MSCI World bleibt ein hervorragender Start in die globale Aktienwelt – aber manchmal lohnt ein Blick über den Tellerrand, um wirklich die ganze kulinarische Vielfalt der Finanzmärkte zu genießen. Guten Appetit auf die Welt der Investments!