Value Investing: Warum kluges Kapital oft die meiste Zeit gar nichts tut

Value Investing ist im Grunde eine sehr bodenständige Angelegenheit, auch wenn es in der schillernden Welt der Hochfinanz oft wie ein Relikt aus einer anderen Zeit wirkt. Wenn wir als Family Officer über den Erhalt von Vermögen über Generationen hinweg nachdenken, geht es weniger um den nächsten schnellen Tipp als vielmehr um eine geistige Haltung. Tren Griffin hat diese Haltung in seinem Buch über die Investmentlegende Charlie Munger perfekt eingefangen. Der Titel „Ich habe dem nichts hinzuzufügen“ ist dabei Programm: Munger war berühmt dafür, nach einer brillanten Analyse seines Partners Warren Buffett einfach zu schweigen, weil alles Wesentliche bereits gesagt war.

In einer Welt, die vor lauter Meinung und Lärm fast platzt, ist dieses Schweigen das ultimative Zeichen von Souveränität. Es signalisiert, dass man nicht für die pure Aktivität bezahlt wird, sondern für das richtige Urteil zum richtigen Zeitpunkt.

Value Investing

Value Investing und die Launen von Mr. Market

Um zu verstehen, wie wir heute navigieren, hilft ein Blick auf ein Bild, das Benjamin Graham schon in den 1940er Jahren zeichnete: den Partner namens Mr. Market. Stellen Sie sich vor, Sie besitzen Anteile an einem wunderbaren, stabilen Unternehmen und Ihr Partner Mr. Market nennt Ihnen jeden Tag einen Preis, zu dem er Ihren Anteil kaufen oder Ihnen seinen verkaufen würde. Das Problem ist nur, dass dieser Partner unter extremen Stimmungsschwankungen leidet. An Tagen voller Euphorie sieht er nur die glänzende Zukunft und verlangt Preise, die jenseits von Gut und Böse liegen. An Tagen der Depression sieht er überall nur Krisen und bietet Ihnen seine Anteile fast geschenkt an.

Die wichtigste Lektion für jeden Vermögenden lautet: Mr. Market ist dazu da, Ihnen zu dienen, nicht um Sie zu führen. Wer sich von den täglichen Preisschildern an der Börse vorschreiben lässt, was sein Unternehmen wert ist, hat das Spiel bereits verloren. Wahre Substanz ändert sich nicht im Minutentakt, nur die menschliche Wahrnehmung tut es.

Ein kluger Investor konzentriert sich stattdessen auf das, was wir den inneren Wert nennen. Das ist wie bei einer Immobilie in bester Lage: Nur weil jemand an einem regnerischen Dienstag ein unverschämt niedriges Angebot für Ihr Haus abgibt, sinkt nicht dessen tatsächlicher Wert. Beim Value Investing suchen wir nach dieser Differenz zwischen dem Preis, den wir bezahlen, und dem Wert, den wir tatsächlich bekommen. Wir nennen das die Sicherheitsmarge – ein Puffer für das Unvorhersehbare.

Charlie Munger ging dabei jedoch noch einen Schritt weiter als sein Lehrer Graham. Er suchte nicht nach billigem „Schrott“, sondern nach exzellenten Unternehmen mit einem sogenannten wirtschaftlichen Burggraben. Das sind Firmen, die so dominant in ihrem Markt sind, dass Konkurrenten fast keine Chance haben, sie anzugreifen. Für solche Qualität darf man auch einen fairen Preis zahlen, denn die Zeit ist der Freund eines großartigen Unternehmens, aber der Feind eines mittelmäßigen.

Die Strategie der Dummheitsvermeidung

Vielleicht das wertvollste Werkzeug in unserem Werkzeugkasten ist das Prinzip der Inversion – also das Denken vom Ende her. Munger pflegte zu sagen, dass er gar nicht versuche, besonders schlau zu sein; er versuche lediglich, dauerhaft nicht idiotisch zu handeln. Das klingt fast zu banal für eine Finanzkolumne, ist aber radikal in seiner Wirkung.

Statt sich zu fragen, wie man am schnellsten reich wird, sollte man sich fragen: Was würde mein Vermögen mit Sicherheit ruinieren? Die Antworten sind meist klar: zu hohe Schulden, Investitionen in Dinge, die man nicht versteht, oder das blinde Folgen der Masse. Wer diese Fehler konsequent unterlässt, landet fast automatisch bei einem erstklassigen Ergebnis. Das ist wie im Tennis: Der Amateur gewinnt nicht durch Gewaltschläge, sondern indem er den Ball einfach fehlerfrei über das Netz spielt, bis der Gegner patzt.

Dazu gehört auch die Disziplin, nur innerhalb des eigenen Kompetenzzirkels zu agieren. Munger hatte dafür drei Körbe auf seinem Schreibtisch: „Ja“, „Nein“ und „Zu schwer zu verstehen“. Der letzte Korb war bei ihm fast immer am vollsten. Es erfordert eine enorme Charakterstärke, zu einem vermeintlich lukrativen Trend nein zu sagen, nur weil man das Geschäftsmodell dahinter nicht vollkommen durchdringt. Doch genau diese Bescheidenheit schützt vor den großen Abstürzen.

Ein Family Office fungiert hier als kognitiver Filter. Wir sind nicht dazu da, jede Mode mitzumachen, sondern um sicherzustellen, dass das „geduldige Kapital“ der Familie dort bleibt, wo es Wurzeln schlagen und wachsen kann. In einer Zeit, in der Algorithmen in Millisekunden entscheiden, ist die Fähigkeit, einfach mal auf seinem Hintern sitzen zu bleiben und nichts zu tun, die wertvollste Währung überhaupt.

Letztlich ist die Entscheidung für diesen Weg weniger eine mathematische als vielmehr eine charakterliche Wahl. Es geht darum, die Gier durch Rationalität zu ersetzen. Wenn man ein Portfolio aus Unternehmen besitzt, die man wirklich versteht und die einen echten Nutzen stiften, kann man den Sturm da draußen mit Gelassenheit beobachten. Man muss nicht jeden Tag auf das Spielfeld rennen. Wer das verstanden hat, braucht keine komplizierten Formeln mehr. Er lehnt sich zurück, vertraut auf die Substanz und kann am Ende des Tages – ganz wie Charlie Munger – sagen: „Ich habe dem nichts hinzuzufügen.“

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